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Kristian Jarmuschek:
Martin Noll - Der Traum von der Lesbarkeit
der Welt
Ein Stuhl und eine Wolke, ein Megafon und eine Kerze, ein Fotoapparat
und eine Treppe, ein Hirsch, ein Diagramm und Laubbäume.
Scheinbar willkürlich kombiniert der Berliner Künstler
Martin Noll disparate Gegenstände, stellt sie frei auf
malerisch gestalteten Untergründen, in der Größe
gleich und auf das Wesentliche ihrer Erscheinung reduziert,
manchmal sogar nur als dunkle Schablone im Umriß erkennbar.
Kein Wort, keine Schrift erklärt, öffnet irgend einen
Sinnbezug. Die nüchtern-sachliche Präsentation der
lexikalischen Reihung bildet einen reizvollen Kontrast zum reichen,
expressiv strukturierten Untergrund, auf dem die reduktionistischen
Gegenstände zu schweben
scheinen. Der Künstler bedient sich verschiedener Druck-
und Maltechniken, die er gattungsübergreifend verwendet
- er druckt also auf Malerei oder malt auf Druck -, um die Künstlichkeit
menschlicher Artefakte mit der vielfältig wuchernden Natürlichkeit
des Untergrundes zu konfrontieren. |
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Was nicht zusammenpaßt, wird zusammen präsentiert
und löst beim Betrachter zwangsläufig eine Sinnsuche
aus. Formanalogien werden befragt, ebenso inhaltliche Zusammenhänge
überprüft. Manchmal wird man fündig, manchmal
nicht.
Willkürlich scheint der Künstler hier vorgegangen
zu sein, doch dabei regiert strengste Logik seine Bilder.
Nach mathematischen Reihen entwickelt Martin Noll einen "Katalog
der Möglichkeiten" der Auswahl und Anordnung der Dinge
bestimmt. Möglichst wenig eingreifen will der Künstler
durch seine Tätigkeit, da für ihn alle Dinge gleichwertig
sind.
"Elemente" nennt er sie auch folgerichtig, ein Begriff
der ebenso wie die logischen Reihen der Welt der Mathematik
und der Naturwissenschaft entlehnt ist. Willkür lehnt er
ab, denn die Natur, so der Künstler, ist nicht willkürlich
sondern folgt streng logischen Gesetzen. Logische Reihen sind
in all ihren Bauplänen enthalten, so auch im jüngst
entschlüsselten Genom.
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Doch was passiert, wenn man die Buchstaben oder Zahlen durch
Bilder ersetzt?
Bilder folgen ihren eigenen Gesetzen, nicht denen der Zahlen.
Querverweise ergeben sich, Sinnbezüge und Formanalogien,
die außerhalb logischer Begrifflichkeit stehen. Martin
Noll untersucht mit seinen Bildern diesen Grenzbereich, die Zusammenhänge
bzw.Unterschiede zwischen logisch-abstrakter, sprachlicher
und bildlicher Begriffbildung, und stellt damit den Traum
von der Lesbarkeit der Welt, von endgültiger Entschlüsselbarkeit,
in Frage.
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